Jede Generation macht einen Deal. Die Boomer tauschten Zeit gegen Sicherheit. Die Millennials tauschten Sicherheit gegen Freiheit. Und Gen Z? Die tauschen Gehalt gegen Sinn. Klingt nach Fortschritt. Aber die Daten erzählen eine kompliziertere Geschichte.
Die Boomer haben einen einfachen Deal gemacht: Arbeiten. Lange. Hart. Dafür gab es etwas, das heute wie ein Märchen klingt — ein Haus. Eine Rente. Und das Gefühl, dass es jedes Jahr ein bisschen besser wird.
60,7 Prozent mehr Lohn seit 1991. Klingt gut, oder? Aber: Real — also nach Inflation — waren es nur 12,3 Prozent. In 28 Jahren. Das ist weniger als ein halbes Prozent pro Jahr. Aber wer schon auf der Leiter stand, konnte sich halten.
Der Gini-Koeffizient zeigt die Vermögensungleichheit innerhalb einer Altersgruppe. 0 = alle gleich, 1 = einer hat alles. Bei den 55- bis 64-Jährigen: 0,63. Ungleich, ja — aber weit gleichmäßiger verteilt als bei den Jungen.
Die Leiter wurde hochgezogen
Wenn Du unter 35 bist, hast Du im Median 17.300 Euro. Wenn Du zwischen 55 und 64 bist: 241.100 Euro. Das ist Faktor 14. Nicht weil die Jungen faul sind. Sondern weil sich die Spielregeln geändert haben.
Unter 45? Nur noch 25,2 Prozent besitzen Eigentum. Im Jahr 2000 waren es 31 Prozent. Und der Anteil junger Eigentümer an allen Eigentümern? Von 31 auf 15 Prozent halbiert.
1990 hatten 25,5 Prozent eines Jahrgangs Hochschulreife. Heute sind es 45 Prozent. Klingt nach Fortschritt. Ist es auch — teilweise. Aber gleichzeitig ist etwas anderes passiert: Die Ausbildung wurde entwertet.
1950 kamen auf 10 Studierende 75 Auszubildende. 2021: 4,3. Die Ausbildungsquote sinkt, immer weniger Betriebe bilden aus. Mehr Abschlüsse, gleiche Löhne. Das ist Credential Inflation — mehr Papier, weniger Wert.
Die Schere geht seit den 70ern auf. Mehr Menschen studieren — aber die duale Ausbildung, das deutsche Erfolgsmodell, verliert an Boden. Nicht weil sie schlecht wäre. Sondern weil ein Bachelor inzwischen die Eintrittskarte ist, die früher ein Gesellenbrief war.
Nicht faul. Anders.
Gen Z will weniger Gehalt als Millennials (56 vs. 70 Prozent). Dafür mehr Diversity, mehr soziale Verantwortung. 40 Prozent würden weniger Geld akzeptieren, wenn der Job einen gesellschaftlichen Beitrag leistet. Das ist kein Werteverfall. Das ist ein anderer Deal.
Gen Z hat verstanden, dass Geld allein nicht glücklich macht. Sie suchen Sinn, Diversität, Verantwortung. Eine Generation, die mehr will als Konsum.
Wer weniger Gehalt priorisiert, kann es sich entweder leisten — oder hat aufgegeben, damit jemals ein Haus zu kaufen. Bei 25,2% Eigentumsquote unter 45: vermutlich Letzteres.
Und jetzt wird es ernst. Depression-bedingte Fehltage: 183 Tage pro 100 Versicherte (2024). Im Vorjahr: 122. Das ist ein Plus von 50 Prozent. In einem Jahr.
Frauen trifft es härter: 233 Depressionstage vs. 140 bei Männern. Junge Frauen zwischen 25 und 29: plus 24 Prozent Fehltage gegenüber dem Vorjahr. Bei den Männern derselben Altersgruppe: plus 29 Prozent. Die Klinikeinweisungen weiblicher Jugendlicher wegen Depression: plus 24 Prozent seit 2019. Wegen Angststörungen: plus 35 Prozent.
Gen Z ist häufiger krank — 4,7% Ausfallquote. Faul? Nein: Die durchschnittliche Krankheitsdauer liegt bei 5,9 Tagen vs. 9,7 insgesamt. Sie gehen früher zum Arzt. Und kommen schneller zurück.
Mehr Awareness ist gut. Aber wenn 40% einer Generation sagen, sie seien "immer oder meistens gestresst" — dann ist das kein Trend. Das ist eine Krise. Und Krisen löst man nicht mit Achtsamkeits-Apps.
Verschiedene Generationen leben in verschiedenen Informationsrealitäten. 50 Prozent der Unter-35-Jährigen beziehen ihre Nachrichten wöchentlich über Social Media. Insgesamt sind es 34 Prozent. Die Tagesschau? 60 Prozent schauen noch klassisches TV.
42 Prozent machen sich Sorgen über Fake News in Social Media. Die Ironie: Genau dort informieren sich die Jungen. Nicht weil sie naiv sind — sondern weil die Institutionen dort nicht stattfinden.
Es bewegt sich etwas
Bundestagswahl 2025. Die Wahlbeteiligung bei den 21- bis 44-Jährigen ist um 7 bis 8 Prozentpunkte gestiegen. Die höchste Gesamtbeteiligung seit 1987. Gen Z ist nicht apathisch. Sie haben verstanden, dass Nichtwählen kein Protest ist.
Und noch eine Zahl: Reallöhne 2024 — plus 3,1 Prozent. Der stärkste Anstieg seit 2008. Nach dem Einbruch von minus 3 Prozent in 2022 ein Hoffnungszeichen. Die Dinge können sich bewegen. Wenn man sie bewegt.
39 Prozent aller Wählenden waren 60 oder älter. Die Demografie ist ein Tanker — aber die Jungen drehen am Ruder. Nicht laut. Nicht schnell. Aber sie drehen.
Die Boomer tauschten Zeit gegen Eigentum. Es hat funktioniert — für die, die dabei waren. Aber der Deal ist nicht mehr verfügbar. Die Millennials tauschten Sicherheit gegen Flexibilität. Und merkten, dass Flexibilität auch bedeuten kann: Du trägst das Risiko allein.
Gen Z tauscht Gehalt gegen Sinn. Nicht weil sie sich das leisten können — sondern weil ihnen nichts anderes übrig bleibt. Wenn Du weißt, dass Du Dir kein Haus kaufen wirst, suchst Du Dir wenigstens einen Job, der sich richtig anfühlt.
Und der Preis? Der zeigt sich in den Seelen. Plus 50 Prozent Depressionstage. In einem Jahr. Das ist der Preis dafür, mehr zu wissen, mehr zu fühlen und weniger zu haben.
Jede Generation macht einen Deal. Die Frage ist nicht, ob der Deal fair ist. Die Frage ist, ob wir ehrlich darüber reden.
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