Matze und ich sitzen in Nürnberg. Dienstagabend. Wir wollen einen Gin Tonic trinken. In einer Bar, die kein Kettenrestaurant ist, kein Irish Pub mit Plastik-Kleeblättern und kein Laden, der um 22 Uhr schließt. Wir finden: nichts. Also habe ich die Daten nachgeschlagen.
1994 war ich 23. Jeder Ort hatte eine Kneipe. Manche drei.
Von 70.000 auf 21.000. In dreißig Jahren hat Deutschland zwei Drittel seiner Kneipen verloren. Das ist kein Trend. Das ist ein Aussterben.
Corona hat die Kneipen nicht getötet. Aber es hat dem Sterben einen Turbo verpasst.
Lockdowns, Sperrstunden, 2G, 3G. Die Gastronomie hat Jahre verloren. Restaurants haben sich erholt. Bars nicht.
Restaurants können am Mittag öffnen. Eine Bar lebt vom Abend. Und der Abend kam nicht zurück.
Hut ab. Wirklich. Ich hatte die Disziplin nicht. Habe ich immer noch nicht.
Die nüchternste Generation seit dem Zweiten Weltkrieg. Weniger Alkohol, weniger Bars, weniger Stammkneipe. Aber: nicht weniger Genuss.
Spirituosen 2024 — alles fällt:
⚡ Aber: Cocktails boomen. 2x mehr bestellen Cocktails als pur (NIQ). Craft Spirits wachsen mit 24% pro Jahr. Premium-Spirituosen +9%. Weniger trinken, aber besser — genau dafür bräuchte man gute Bars.
Die Deutschen trinken. Nur woanders.
Netflix, Sofa, Lieferando. Die Deutschen trinken. Nur woanders. Alleine.
Der Rückzug ins Private ist kein Corona-Phänomen. Er hat sich nur beschleunigt. Die Kneipe verliert gegen die Couch.
Die Abwärtsspirale: Weniger Gäste bedeuten weniger Umsatz. Weniger Umsatz bedeutet weniger Personal. Weniger Personal bedeutet schlechterer Service. Schlechterer Service bedeutet weniger Gäste. Und so weiter. Und so weiter.
Streaming hat den Fernsehabend ersetzt. Lieferdienste haben das Ausgehen ersetzt. Social Media hat das Gespräch ersetzt. Was bleibt, ist eine Wohnung mit WLAN und ein Kühlschrank mit Craft Beer. Prost.
Die nüchternste Generation ist auch die einsamste. Das ist kein Zufall.
Weniger Kneipen, weniger dritte Orte, weniger zufällige Begegnungen. Die Folgen sind messbar.
„Die Kneipe war der niedrigschwelligste dritte Ort. Kein Verein, kein Kurs, kein Meetup mit Namensschildern. Einfach: Reingehen. Hinsetzen. Da sein.“
Ray Oldenburg hat den Begriff „dritter Ort“ geprägt — ein Ort, der weder Zuhause (erster Ort) noch Arbeit (zweiter Ort) ist. Cafes, Friseure, Kneipen. Orte, an denen man niemanden kennen muss, um dazuzugehören. Die Kneipe war der einfachste Einstieg. Kein Mitgliedsbeitrag. Keine Anmeldung. Keine Erwartung. Einfach: hingehen.
Netflix ist kein dritter Ort. Netflix ist das Gegenteil.
3,6 Millionen Menschen. Matze und ich finden keinen ordentlichen Gin Tonic.
Die Metropolregion Nürnberg hat 3,6 Millionen Einwohner. Und eine Gastro-Dichte, die unter München und Düsseldorf liegt.
Kaufkraft Top 10. Aber das Kulturzentrum kann sich kaum halten. Und das in einer Studentenstadt.
Berlin: keine Sperrstunde seit 1949. Fürth: Gute Nacht um 5.
Deutschland hat kein einheitliches Nachtleben-Gesetz. Jedes Bundesland regelt, wann Schluss ist. Das Ergebnis ist absurd.
Nachtbürgermeister:
Amsterdam hat seit 2003 einen Nachtbürgermeister. Weniger Gewalt, weniger Beschwerden, bessere Nachtökonomie. Mannheim seit 2018 — als erste Stadt in Deutschland. Nürnberg, Erlangen, Fürth? Nichts. Keine Ansprechperson, keine Strategie, keine Idee.
Die guten Gespräche habe ich mit Matze. Die guten Drinks hätte ich gerne von jemandem, der weiß was er tut.
Die Kneipe stirbt nicht, weil die Leute nicht mehr trinken wollen. Sie stirbt, weil das Drumherum nicht mehr stimmt.
Was helfen könnte:
Die Cocktail-Renaissance zeigt: Die Nachfrage ist da. Gen Z trinkt weniger — aber wenn, dann bewusster. Die wollen keinen billigen Fusel an einer klebrigen Theke. Die wollen einen guten Drink an einem guten Ort mit guten Leuten. Das ist keine schwierige Gleichung.
Vielleicht sind wir Dinosaurier. Aber Dinosaurier, die an einem Dienstagabend in einer Bar sitzen, Gin Tonic trinken und über das Leben reden — die sterben zumindest nicht einsam. Prost, Buddy.
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