Datenstück #15April 2026zum BlogpostQuellen: SIPRI, UCDP, ACLED, UN, CRS
KRIEG(e).
Was wir sehen. Was wir nicht sehen. Wer verdient.
61 aktive Konflikte weltweit. 160.000 Tote in einem Jahr. Sudan hat mehr Tote als fast jeder andere Krieg – und unter einem Prozent der Berichterstattung. Dieses Datenstück zeigt, wo gekämpft wird, wer zündelt, wer vermittelt und wer verdient. Keine Diagnose. Keine Moralkeule. Nur dokumentierte Fakten.
Mehr Konflikte als je zuvor
Die Uppsala Conflict Data Program (UCDP) zählt seit 1946. 2024 war der Rekord: 61 aktive staatliche Konflikte. Elf davon erreichten das Niveau eines Krieges – mehr als tausend Kampftote pro Jahr. Das sind die meisten seit 2016.
61
Aktive Konflikte
Rekord seit 1946
11
Echte Kriege
>1.000 Tote/Jahr
160K
Tote 2024
organisierte Gewalt
Aktive Konflikte weltweit, 1946–2024
Quelle: UCDP Uppsala / Journal of Peace Research 2025 · Zwischenjahre interpoliert
Der Rückgang in den 1990ern nach Ende des Kalten Kriegs war echt – aber kurz. Seit Mitte der 2000er steigen die Zahlen wieder. Syrien, Sahel, Ukraine, Gaza, Sudan. Sie summieren sich.
Die tödlichsten Konflikte 2024.
Zwei davon kennt jeder. Sechs kaum einer.
Wo gestorben wird
Acht Konflikte mit über 2.500 direkten Kampftoten im Jahr 2024. Zwei stehen in jeder Tagesschau. Sechs nicht. Die Zahlen stammen von UCDP und ACLED, den beiden international anerkannten Konfliktdatenbanken.
Tödliche Konflikte 2024 — direkte Kampftote
Quellen: UCDP Uppsala 2025, ACLED Conflict Index 2024
Sudan: 28.700 direkte Tote laut ACLED – humanitäre Analysen kommen auf ~150.000 Gesamttote, wenn man Hunger, Krankheit und zerstörte Gesundheitsversorgung einrechnet. Manche Modellierungen gehen deutlich höher. Wir zeigen hier nur die direkt gezählten Toten, um methodisch konservativ zu bleiben.
Was wir nicht sehen
Berichterstattung hat wenig mit Opferzahlen zu tun. Ukraine und Gaza dominieren zusammen rund 80 % der globalen Konfliktberichterstattung. Sudan – mit mehr direkten Toten als Gaza – macht unter einem Prozent aus. Das ist nicht gefühlt. Das ist gemessen.
Die Disproportion ist dokumentiert: Laut einer UN-Analyse machte Sudan 2024 weniger als 1 % der globalen Konfliktberichterstattung aus – bei rund 150.000 Toten. CARE veröffentlicht jährlich den "Suffering in Silence"-Report über die zehn am wenigsten beachteten humanitären Krisen. Folge der Stille: weniger Hilfsgelder, weniger politischer Druck, weniger Kontrolle.
„Silence isn't neutral."
— ResetDOC: How Media Coverage Frames Global Crises
Wer zündelt.
Acht Akteure. Alle dokumentiert. Alle durch Primärquellen belegt.
Die Intervenierenden
Dokumentierte Einmischung – Waffenlieferungen, Militäreinsätze, Proxys, Söldner, Besatzungen. Quellen: UN Panel of Experts, US Treasury, State Department, CRS, ICC, SIPRI, Human Rights Watch.
→ Klick auf eine Kachel öffnet Details und Primärquellen. Hinweis: Die ausgeklappten Fakten sind bewusst kuratierte Auszüge – die aussagekräftigsten Belege aus den Primärquellen. Keine Vollständigkeit. Wer den Gesamtbefund will, folgt dem Quelllink.
🇺🇸 USA
133+ Militäreinsätze seit 1890. Aktuell: Iran-Bombardement Juni 2025, Venezuela-Marineoperation seit Herbst 2025.
Grossman / CRS R42738
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Aktuelle Einsätze 2025/26
Iran (Juni 2025): "Operation Midnight Hammer" – B-2-Bomberangriffe auf die Atomanlagen Fordow, Natanz und Isfahan, koordiniert mit israelischen Angriffen
Venezuela (seit Herbst 2025): Marine-Aufmarsch in der Karibik, tödliche Angriffe auf mutmaßliche Drogenboote ohne Gerichtsverfahren – UN-Menschenrechtskommission kritisiert
Dokumentierte Eingriffe seit 1945
Korea (1950–1953), Vietnam (1955–1975), Kuba (Bay of Pigs 1961), Grenada (1983), Panama (1989)
Irak (1991, 2003–2011), Afghanistan (2001–2021), Libyen (2011), Syrien (seit 2014)
Nicaragua (Contras, 1980er), Somalia (1993), Kosovo (1999) – alles in offiziellen US-Dokumenten gelistet
Offiziell anerkannte CIA-Putsche
Iran 1953 (Mossadegh) – 2013 von CIA erstmals offiziell dokumentiert
Guatemala 1954 (Árbenz) – 2003 vom State Department anerkannt
Chile 1973 (Allende) – CIA-Formulierung: "wusste von Putschplänen, entmutigte nicht, hatte 1970 selbst einen versucht"
Vollinvasion Ukraine seit 24.02.2022. Wagner/Africa Corps in Mali, CAR, Sudan, Libyen. Tschetschenien, Georgien, Syrien.
UN-GV, ICC, US Treasury
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Ukraine – laufender Krieg
24.02.2022: Vollinvasion der Ukraine – weltweit tödlichster Konflikt 2024 mit ~76.000 Kampftoten
UN-Generalversammlung Resolution ES-11/1 (März 2022): 141 Staaten verurteilten die Aggression
Internationaler Strafgerichtshof (ICC): Haftbefehl gegen Putin wegen Kinderdeportationen (März 2023), weitere Haftbefehle gegen Schoigu und Gerassimow wegen Infrastrukturangriffen (Juni 2024)
Iran-Angriff Juni 2025 (mit USA). Gaza-Offensive seit 10/2023, erneute Eskalation 03/2025. Syrien-Pufferzone seit Assad-Sturz. Westjordanland seit 1967.
UN-Resolutionen, ICJ, OCHA
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Aktuelle Einsätze 2025/26
Iran (Juni 2025): Direkte Angriffe auf Atomanlagen und Militärführung, koordiniert mit US-Operation "Midnight Hammer"
Gaza: Waffenstillstand + Geiseldeal Januar 2025, Bruch im März 2025, erneute Bodenoffensive – Laut UN OCHA über 60.000 palästinensische Tote bis Ende 2025 (Zahlen umstritten, Spanne je nach Methodik)
Syrien (seit Assad-Sturz Dezember 2024): Besetzung der Pufferzone auf den Golanhöhen, großflächige Luftangriffe auf syrische Militärinfrastruktur
Jemen: Luftangriffe gegen Huthi-Stellungen 2024/25
Länger laufende Konflikte
Gaza seit 07.10.2023, Libanon Luftangriffe + Bodenoffensive 2024 (Waffenstillstand Nov 2024, Verletzungen dokumentiert)
Syrien: Hunderte Luftangriffe seit 2012 (offiziell zugegeben 2019)
Diplomatie lässt sich messen – an Abkommen, Prozessen, erreichten Waffenruhen.
Die Vermittelnden
Kleine Länder, große Wirkung. Die erfolgreichsten Mediatoren der letzten 30 Jahre sind selten Großmächte. Sie setzen auf Verlässlichkeit, Diskretion und Geduld.
→ Auch hier: Details sind Auszüge, keine Vollständigkeit. Symmetrisch behandelt – Erfolge und Schwächen.
🇳🇴 Norwegen
Oslo-Abkommen 1993 (Israel/PLO), Kolumbien-FARC seit 1999, Guatemala, Taliban-USA-Gespräche 2013.
seit 1993 systematisch
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Erfolgreiche Vermittlungen
Oslo-Abkommen 1993: Israel/PLO – Ausgangspunkt für die Zwei-Staaten-Diskussion
Guatemala-Friedensabkommen (1996): Ende des 36-jährigen Bürgerkriegs
Taliban-USA, Hamas-Israel, DRC-Ruanda, Kolumbien-EGC. 9. September 2025: Israel griff Hamas-Delegation in Doha an – erster Angriff auf einen Golf-Staat.
Vermittler unter Beschuss
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Angriff auf den Vermittler – 9. September 2025
Israelischer Luftangriff auf Doha: Ziele waren vier Hamas-Verhandler im Leqtaifiya-Viertel, die über einen US-vermittelten Waffenstillstand sprachen
6 Tote: darunter Sohn von Chefverhandler Khalil al-Hayya und ein katarischer Sicherheitsbeamter – Hamas-Führung überlebte
Erster direkter Angriff Israels auf ein Mitglied des Golf-Kooperationsrates
Internationale Verurteilung, sogar Trump "very unhappy" über unilaterale Aktion
Die Doppelrolle: Katar vermittelt und hat gleichzeitig Kontakte zu Hamas, Taliban und Muslimbruderschaft. Das ist keine Schwäche des Mediators – es ist die Bedingung seiner Wirkung. Wer mit allen reden kann, kann vermitteln. (PRIO Comparative Study: Qatar vs. Norway)
Die Lieferketten.
Fünf Länder liefern 71 Prozent aller Waffen weltweit.
Wer exportiert, wer importiert
SIPRI, das Stockholm International Peace Research Institute, gilt als Goldstandard für Rüstungsdaten. Unabhängig, schwedisch, seit 1966. Die Zahlen beziehen sich auf den Fünfjahreszeitraum 2020–2024.
Top 5 Waffenexporteure — Anteil am Weltmarkt, 2020–2024
SIPRI Fact Sheet März 2025
Top 5 Waffenimporteure, 2020–2024
SIPRI Fact Sheet März 2025
Zeitenwende in einer Zahl: NATO-Europa hat seine Waffenimporte zwischen 2015–2019 und 2020–2024 mehr als verdoppelt – um +105 %. Russlands Exporte haben sich im selben Zeitraum halbiert. (SIPRI 2025)
Die Profiteure.
+1.000 % Kursanstieg. 632 Milliarden Umsatz. Und Friedensgerüchte sind schlecht für die Aktie.
Wer an Kriegen verdient
Die SIPRI Top 100 – die hundert größten Rüstungskonzerne – erwirtschafteten 2023 zusammen 632 Milliarden US-Dollar Umsatz. US-Firmen dominieren mit 317 Milliarden. Seit der russischen Ukraine-Invasion am 24. Februar 2022 sind die Aktien der großen Rüstungskonzerne explodiert.
„Im August 2025 fielen Rheinmetall, Leonardo und Renk um 5 bis 8 Prozent – nach Gerüchten über einen Ukraine-Waffenstillstand."
— mehrere Finanzmedien, u.a. Scope Ratings 2025
Das ist keine Spekulation. Das ist Börsentag. Frieden ist, rein finanziell, ein negatives Ereignis für Rüstungsaktien. Wer das Geld hat, um zu investieren, investiert rational. Die Frage ist nicht, ob das moralisch ist. Die Frage ist, was es bedeutet.
Was der DAX zeigt
Fünf geopolitische Ereignisse. Fünf Handelstage danach. Der DAX als Gesamtmarkt reagiert verhalten, mal leicht rauf, mal leicht runter. Rheinmetall reagiert jedes Mal – außer bei Sudan. Die Börse hat denselben Blindspot wie die Medien.
DAX vs. Rheinmetall — 5-Tages-Reaktion nach Ereignis
Prozentuale Kursveränderung · Quelle: Yahoo Finance Historical Data (DAX, RHM.DE) · gerundet · Sudan 15.04.2023: näherungsweise, da Datum Samstag
Bei der Ukraine-Invasion und der Zeitenwende-Rede von Scholz legte Rheinmetall innerhalb einer Woche über 50 % zu – während der DAX insgesamt leicht nachgab. Beim Hamas-Anschlag: +14 % Rheinmetall bei leicht negativem DAX. Beim Sudan-Krieg – einem der größten humanitären Konflikte überhaupt – nahezu keine Reaktion. Weder im DAX, noch in Rheinmetall. Kein Schlagzeilen-Impact, kein Kurs-Impact.
Der Mechanismus: Börsenkurse reagieren auf Nachfrage-Erwartung, nicht auf Opferzahlen. Ohne neue Aufträge, ohne politischen Druck, ohne Schlagzeilen – keine Kursbewegung. Der Sudan-Krieg ist das Lehrbuchbeispiel: real, tödlich, groß – und börsentechnisch unsichtbar.
Rheinmetall 2024 in Zahlen: Umsatz €9,8 Mrd (+36 %), Defense-Sparte €7,6 Mrd (+50 %), EPS +42 % in 9 Monaten. Lockheed Martin: +24 % im ersten Kriegsjahr. Global Defense Index 2025: +45 % weltweit, +70 % in Europa. (Fortune, Nordic Defence Review, Al Jazeera)
Was die Zahlen sagen
61 Konflikte. 160.000 Tote im Jahr. Eine Berichterstattung, die sich an Geografie und Bekanntheit orientiert, nicht an Opferzahlen. Acht Staaten, die dokumentiert Waffen, Söldner oder Soldaten in fremde Kriege schicken. Fünf Staaten, die professionell vermitteln. Fünf Länder, die 71 % aller Waffen liefern. Hundert Konzerne, die 632 Milliarden umsetzen. Und eine Aktienkurve, die zeigt: Frieden ist schlecht fürs Geschäft.
Die Zahlen stehen für sich. Wer sie einordnen, kommentieren, in persönlichen Kontext setzen will, findet das im Blog. Dieses Datenstück will nur zeigen, was ist.
Datenstand April 2026. Konfliktdaten ändern sich täglich. Für die aktuellsten Zahlen: UCDP, ACLED, SIPRI direkt. Wer Unstimmigkeiten findet: ich@der-koerting.de
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