Bei der Wiederholungswahl in Berlin 2023 stimmte die CDU in 30 von 38 Wahl-O-Mat-Thesen mit der AfD überein. Das sind 79 Prozent — der höchste Wert, den ich in 22 Wahlen gefunden habe. Die AfD kam dort auf 9,1 Prozent der Stimmen.
In Sachsen-Anhalt, wo die AfD im September 43,8 Prozent geholt hat, sind es 18 von 38. Also 47 Prozent, fast der niedrigste Wert der ganzen Reihe.
Das ist die Sorte Zahl, die man leicht falsch herum liest. Ich hatte zuerst nur Sachsen-Anhalt gerechnet und die 47 Prozent für den Befund gehalten — bis der Vergleich da war. Ohne Maßstab sagt eine einzelne Zahl nichts.
Der Wahl-O-Mat legt allen antretenden Parteien dieselben 38 Thesen vor. Jede antwortet mit „Stimme zu", „Neutral" oder „Stimme nicht zu". Die Kennzahl dieses Datenstücks ist eine simple Zählung: Bei wie vielen der 38 Thesen antworten zwei Parteien gleich?
Kein Modell, keine Gewichtung. Wer will, zählt nach.
Die Spanne reicht von 45 bis 79 Prozent, der Median liegt bei 55. Es gibt keine Wahl, bei der CDU und AfD überwiegend verschiedener Meinung wären. Und keine, bei der sie überwiegend gleicher Meinung wären.
Man würde vermuten: Wo die AfD stark ist, rückt die CDU auf sie zu. Die Daten zeigen eher das Gegenteil.
Die Korrelation beträgt r = −0,33. Das Vorzeichen ist stabil, die Erklärungskraft klein — rund elf Prozent der Streuung. Als Median über die Länder: 51 Prozent im Osten, 63 im Westen.
Das ist ein Trend, keine Regel. Die Ausreißer sind größer als der Zusammenhang. Berlin 2023 hat den höchsten Nähewert bei fast schwächstem AfD-Ergebnis, die Europawahl im selben Jahr den niedrigsten. Wer hieraus eine Ursache macht, geht über die Daten hinaus.
Dieselben Daten beantworten die Frage, die unter der Brandmauer-Debatte liegt. Dafür vergleiche ich zwei Größen: wie nah die AfD im Mittel allen anderen etablierten Parteien steht — und wie nah diese anderen einander stehen.
Im Mittel über alle 22 Wahlen: Die AfD stimmt mit den anderen in 39 Prozent der Thesen überein, die anderen untereinander in 48 Prozent. Die Sonderstellung ist messbar, aber moderat — die AfD ist im Programmraum kein Fremdkörper, sondern ein Randmitglied.
Und hier ist Vorsicht geboten. Der Abstand ist von 8 Punkten (2021–22) auf 12 Punkte (2024–26) gewachsen. Das klingt nach Abgrenzung — aber ab 2024 tritt das BSW an und verändert beide Messgrößen gleichzeitig. Ob der wachsende Abstand an der AfD liegt oder am veränderten Parteienfeld, lässt sich mit diesen Daten nicht trennen. Deshalb steht diese Zahl hier als Beobachtung, nicht als Befund.
Für die Wahl vom 6. September, bei der die AfD 43,8 Prozent holte und 39 von 83 Sitzen bekam, sieht das Feld so aus:
Zwei Dinge fallen auf. Die programmatisch nächste Partei zur CDU ist die AfD — und umgekehrt. Und der linke Block ist deutlich fester als alles auf der anderen Seite: SPD und Linke stimmen in 84 Prozent der Thesen überein, Grüne und SPD in 74.
Die 18 Thesen, bei denen CDU und AfD dieselbe Position einnehmen, liegen nicht zufällig verteilt:
Was die einfache Erzählung stört: Bei nur 4 von 38 Thesen steht die AfD allein gegen die anderen fünf. Gemeinsame Schulform, Klimaneutralität, Demokratiebildung, Masern-Impfpflicht. Sonst hat sie fast immer jemanden an ihrer Seite. Und bei genau einer These sind sich alle sechs einig: Die Geschäfte sollen sonntags geschlossen bleiben.
Die Thesen sind zwischen den Wahlen nicht dieselben. Jede bpb-Redaktion wählt 38 aus rund 80 neu aus. Die Prozentwerte zweier Wahlen sind deshalb nicht auf den Punkt vergleichbar — vergleichbar sind Größenordnung und Rangfolge. Dass Sachsen-Anhalt von 50 auf 47 Prozent gefallen ist, ist bei wechselnder Thesenauswahl kein Beleg für eine Bewegung.
Es sind absichtlich die strittigen Thesen. Die bpb wählt aus, was die Parteien kontrovers beantwortet haben. Gemessen wird also die Übereinstimmung auf dem trennendsten Feld. Die tatsächliche Nähe liegt höher als hier gemessen.
Gleiche Position ist nicht gleiche Begründung. Bei der Sonntagsöffnung sind alle sechs dagegen — mit völlig verschiedenen Argumenten. Wer aus diesen Zahlen inhaltliche Verwandtschaft liest, liest mehr hinein, als drinsteht.
Und es ist kein Abstimmungsverhalten. Gemessen sind Wahlkampfpositionen, nicht Entscheidungen in Parlamenten. Was CDU und AfD in einem Landtag tatsächlich tun, steht in Plenarprotokollen und nicht hier.
Datengrundlage sind die Wahl-O-Mat-Datensätze der Bundeszentrale für politische Bildung sowie die amtlichen Endergebnisse der Bundeswahlleiterin und der Landeswahlleitungen. Die Auswertung stammt nicht von der Bundeszentrale für politische Bildung. Der Datensatz selbst wird hier nicht weiterveröffentlicht, nur die daraus berechneten Ergebnisse. Die vollständige Methodik samt Grenzen liegt im Repository.
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Jede Zahl ist aus der Primärquelle gerechnet, keine aus einem Fließtext übernommen. Wer etwas findet, das nicht stimmt: ich@der-koerting.de