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Todeszonen
Munition
Timmy
Daten
Finale
Datenstück #18 — Mai 2026

Das Meer
unter dem Meer.

412.560 Quadratkilometer. Neun Anrainerstaaten. 85 Millionen Menschen an ihren Küsten. Von oben sieht die Ostsee aus wie Urlaub.

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Dieses Satellitenbild zeigt die Ostsee im August 2020. Die grünen Schlieren sind keine Strömungen. Es sind Cyanobakterien — giftige Algenblüten, die sich jedes Jahr weiter ausbreiten.

Darunter liegt eine der größten Umweltkrisen Europas. Fünf Akte. Nur Zahlen. Keine Meinungen.

Akt 1
60.000 Quadratkilometer Nichts

In den 1960er-Jahren waren 5.000 km² des Ostseebodens sauerstoffarm. Heute sind es über 60.000. Ein Gebiet, größer als Kroatien, in dem nichts mehr lebt.

1960
~ 5.000 km² sauerstoffarm
BORNHOLM GDAŃSK W-GOTLAND E-GOTLAND NÖRDL. BECKEN FINN. BUSEN SCHWEDEN FINNLAND POLEN LETTLAND DK Gotland

7 der 10 größten Todeszonen weltweit liegen in der Ostsee. 20 Prozent des gesamten Meeresbodens sind anoxisch. Kein Fisch. Kein Krebs. Kein Wurm. Nichts.

×12

Faktor der Ausbreitung

Die Todeszonen haben sich seit 1960 verzwölffacht. Haupttreiber: Überdüngung durch Landwirtschaft in neun Anrainerstaaten.

Akt 2
Was auf dem Grund liegt
65.000 t
Chemische Kampfstoffe
Senfgas, Tabun, Sarin — in Fässern versenkt, die seit 80 Jahren korrodieren. Bornholm-Becken, Gotland-Becken, Kleiner Belt.
1,6 Mio t
Konventionelle Munition
Bomben, Granaten, Torpedos. Nord- und Ostsee zusammen. Niemand weiß genau, wann sie aufgehen.
16.000
Wracks auf dem Grund
Konserviert durch wenig Salz und wenig Sauerstoff. Manche Holzschiffe sind nach Jahrhunderten noch intakt.

Nach dem Zweiten Weltkrieg hat man die Ostsee als Mülldepot benutzt. Die Alliierten versenkten hunderttausende Tonnen Munition — die billigste Entsorgung. Die Fässer waren auf 50 Jahre ausgelegt. Das war vor 80.

Akt 3
Ein Wal, der hier nicht hingehört
Warum schwimmt ein Buckelwal in der Ostsee?

Timmy war kein Wunder. Timmy war ein Datenpunkt. Die Ostsee erwärmt sich doppelt so schnell wie der Weltdurchschnitt. Nahrungsketten verschieben sich. Routen ändern sich.

Der Dorsch, einst Brotfisch der Ostsee, ist fast weg. Seit 2024: Null-Fangquote. Die Rippenqualle Mnemiopsis leidyi — ein Einwanderer aus dem Schwarzen Meer — breitet sich aus. Bis zu 100 Individuen pro Kubikmeter.

0,6 °C
Erwärmung pro Dekade
Südliche Ostsee, 1959–2019
Schneller als global
Im Sommer bis zu 1 °C/Dekade
0 t
Empfohlene Dorsch-Fangquote
ICES Empfehlung seit 2024
100/m³
Rippenquallen-Dichte
Kieler Bucht, 2006
Akt 4
Niemand zählt zusammen

Die IWC baut seit 2016 an einer globalen Strandungs-Datenbank. Zehn Jahre später zählt immer noch niemand zusammen. Jedes Land hat eigene Felder, eigene Definitionen, eigene Lücken.

NOAA
USA
National database. Eigene Taxonomie, eigene Felder, keine API.
SMASS
Schottland
Scottish Marine Animal Stranding Scheme. Excel-basiert.
CSIP
England & Wales
Cetacean Strandings Investigation Programme. Seit 1990.
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IWC
Global (geplant)
Seit 2016 in Arbeit. Noch kein konsolidiertes Bild.

Das Meer hat kein Umweltproblem. Das Meer hat ein Datenqualitätsproblem. Und das zweite verhindert, dass wir das erste verstehen.

Überdüngung
Phosphor-Einträge seit 1980

Die Einträge sinken — von 70.000 t/Jahr auf unter 30.000. Klingt nach Erfolg. Aber die HELCOM-Grenzwerte werden in keinem Hauptbecken eingehalten.

HELCOM-Grenzwert
Akt 5
Was hier nicht steht

Dieses Datenstück zeigt Zahlen. Keine Meinungen. Keine Lösungen. Keine Petition.

Es zeigt nicht, ob es besser wird. Es zeigt nicht, wer schuld ist. Es zeigt, was ist. Die Interpretation liegt bei dir.

Datenstück #18 — Der Körting

412.560 km² Oberfläche.
Darunter eine Krise,
die niemand zusammenzählt.

Quellen

Fehler gefunden? ich@der-koerting.de
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