Die gewohnte Erzählung geht so: Die jungen Leute wollen keine Ausbildung mehr. Vier amtliche Zeitreihen sagen etwas anderes. 2025 ist die Nachfrage gestiegen und das Angebot eingebrochen. Und seit 2007 gibt es mehr Betriebe in Deutschland — aber ein Fünftel weniger, die ausbilden.
Zum Stichtag 30. September zählt das Bundesinstitut für Berufsbildung, wie viele junge Menschen einen Ausbildungsplatz nachgefragt und wie viele Betriebe einen angeboten haben. 2025 laufen die beiden Kurven auseinander — und zwar in die unangenehme Richtung.
Das Angebot fiel 2025 um 25.332 Plätze oder 4,6 Prozent, das betriebliche sogar um 5,0 Prozent. Die Nachfrage stieg um 3.663 Personen oder 0,7 Prozent. Rechnerisch kamen damit nur noch 94,7 Angebote auf 100 Nachfragende. 2023 waren es 101,8 — ein Absturz um 7,1 Punkte in zwei Jahren.
Der eigentliche Befund steckt nicht in den Verträgen.
Die Ausbildungsbetriebsquote sagt, wie viele Betriebe überhaupt ausbilden. 2007 war es fast jeder vierte, 2024 nicht einmal mehr jeder fünfte. Nach Betriebsgröße aufgeschlüsselt zeigt sich, dass das kein gleichmäßiger Trend ist, sondern ein sehr einseitiger.
Bei Betrieben mit bis zu vier Beschäftigten hat sich die Quote mehr als halbiert — von 11,8 auf 5,5 Prozent. Bei Großbetrieben ab 500 Beschäftigten ging sie von 88,3 auf 85,8 Prozent zurück, also kaum. Die Ausbildung wandert vom kleinen zum großen Betrieb.
2024 gab es in Deutschland 81.022 Betriebe mehr als 2007 — und 93.073 Ausbildungsbetriebe weniger. Plus 4,0 Prozent Betriebe, minus 19,0 Prozent Ausbildungsbetriebe.
Hier wäre es einfach, sich eine Seite auszusuchen. Beide Zahlen stehen nebeneinander in derselben Erhebung, und beide sind wahr.
Das ist kein reines Mengenproblem, sondern auch ein Passungsproblem — regional und nach Berufen. Wer nur eine Hälfte zeigt, erzählt eine bequemere Geschichte, als die Daten hergeben. Bemerkenswert bleibt die Richtung: Die unbesetzten Stellen sind gegenüber dem Vorjahr um 21,6 Prozent gesunken, die unversorgten jungen Menschen um 19,9 Prozent gestiegen.
Während unten weniger ausgebildet wird, verlässt oben der größte Jahrgangsblock der Nachkriegszeit den Arbeitsmarkt. Das Statistische Bundesamt hat das im Mikrozensus 2024 durchgerechnet.
Bis 2039 überschreiten 13,4 Millionen Erwerbspersonen das Renteneintrittsalter von 67 — knapp ein Drittel aller Erwerbspersonen. Die 55- bis 64-Jährigen umfassen zusammen 10,0 Millionen, die 25- bis 34-Jährigen 9,0 Millionen.
Die Kurve fällt länger, als es ChatGPT gibt.
Es liegt nahe, den Einbruch mit der Automatisierung von Einstiegsarbeit zu erklären. Die lange Reihe erlaubt das nicht.
Der Höchststand liegt im Jahr 2007 bei 625.884 Verträgen. 2025 sind es 475.950 — ein Minus von 149.934 oder 24,0 Prozent. Achtzehn Jahre Abstieg, und sie beginnen anderthalb Jahrzehnte vor der Debatte über generative KI. Das Vor-Corona-Niveau wurde nie wieder erreicht.
Der wichtigste Abschnitt, und er gehört nicht ans Ende, sondern mitten hinein.
Seniorität entsteht an Arbeit, die jemand vorher gemacht hat. Wenn die unterste Sprosse fehlt, fällt niemand herunter. Es kommt nur keiner mehr oben an.
Die Daten sagen nicht, warum das passiert. Sie sagen ziemlich genau, dass es passiert — seit achtzehn Jahren, quer durch zwei unabhängige Erhebungen. Bleibt die Frage, die keine Statistik beantwortet: Ersetzen wir die Sprosse, oder entfernen wir sie nur?
Sagen Sie es mir.
data.json und METHODIK.md in diesem Verzeichnistkoerting/data-stories — Code, Daten, Methodik
Alle Zahlen stammen aus amtlichen Primärquellen und wurden gegengerechnet; die Verkettung der beiden Datenreport-Ausgaben ist in den zehn Überlappungsjahren geprüft. Nichts davon ist geschätzt. Wer etwas findet, das nicht stimmt: ich@der-koerting.de